Ein Sommer in Deutschland: Entlang des >Canale Grande< nach Magdeburg

Die Morgensonne spiegelt sich auf dem Wasser, majestätisch schiebt sich ein Lastkahn vorbei….

Wir sind am Mittellandkanal, den man wegen seinen 318 Brücken auch den >Canale-Grande Deutschlands< nennt. Als längste künstliche Wasserstraße in unserem Land verbindet der Kanal West und Ost. Selten forderte ein Projekt so tiefe Eingriffe in die Natur wie der Bau des 325 km langen Mittellandkanals. 7 Stichkanäle sorgen für ein weitverzweigtes Wasserstraßennetz.

Bei Hörstel in Westfalen liegt am Abzweig des Dortmund-Ems-Kanal der Kilometer 0. Wir “steigen” in Bad Essen ein. Nur selten folgen die Straßen dem Verlauf der von Menschen angelegten Wasserstraße. Wir versuchen unser Bestes und folgen der ein Stück parallel verlaufenden “Westfälischen Mühlenroute”.

Wie an der Schnur gezogen fließt der Kanal dahin und vermittelt eine unerschütterliche Ruhe. Es wird Zeit unsere Übernachtung zu planen. In unserem “Landvergnügen”-Katalog bietet sich eine Alpaka-Farm, etwas abseits des Kanals als Schlafplatz an. Der Frau am Telefon war unser Wohnmobil zu lang, obwohl sie > 10 m im Katalog ausgewiesen hatte. Der Dreamliner war ganz schön beleidigt wegen der mangelenden Gastfreundschaft und wir waren auch etwas geknickt. Na ja, selber schuld, dann muss ich meine Alpaka-Wolle halt im Geschäft kaufen!

Also dann was am Kanal finden. Dieters Stellplatz-Apps sind unerschöpflich. Es findet sich ein Platz direkt am Kanal in Rusbend in der Nähe von Bückeburg. Oh, wie schön, direkt am Kanal, frohlocke ich und kein Mensch da! Ein Kette mit einem dicken Vorhängeschloss versperrt die Einfahrt. Die Enttäuschung ist groß. Kurz bevor wir wieder umdrehen wollen, sehe ich ein Schild mit einer Telefonnummer. Ein freundlicher Mensch erklärt uns am Telefon, dass der Platz nicht gesperrt sei, er käme vorbei und mache uns auf. Was haben wir ein Glück. Ganz alleine stehen wir am Mittellandkanal. Dieses Ereignis bestärkt mich mal wieder in meiner Lebensphilosophie. Nie aufgeben! Irgendwas geht immer. Kurz darauf, bei einem gemeinsamen Ankomme-Bier erfahren wir von Andreas Zenker, der sich mit seinem Hund Troy Zeit für uns nimmt, die Geschichte des Stellplatzes.

Der Platz wurde von Leuten aus der Umgebung für alles mögliche genutzt; zum Feiern, für die Kirmes, oder einfach um nur am Kanal zu sitzen. Aber niemand kümmerte sich wirklich um die Sauberkeit und Erhaltung des Geländes. Seit kurzem nun, gibt es diesen offiziellen Wohnmobilstellplatz Bückeburg/Rusbend,(N 52°18’43”, E 9°3’26”) weil zwei engagierte Männer sich darum kümmern. Es werden Pflanzen und kleine Bäume gesetzt, Rasen gemäht und Unkraut getilgt. Ich lasse die Beine im Wasser baumeln und bin glücklich.

Der Stellplatz kostet 7.50 Euro. Es gibt allerdings keine Ver-und Entsorgung. Die Lage des Platzes und Andreas, der Stellplatzbetreiber, machen alles wett. Wir bekommen Tipps was es alles in der Gegend zu erkunden gibt. Für das leibliche Wohl ist in dem kleinen Ort durch das Hotel Restaurant Schäferhof (www.hotel-schaefferhof.de) mit deftiger Speisekarte und Biergarten auch gesorgt. Hier bleiben wir ein paar Tage. Die Stimmung am Kanal ist morgens wie abends schön; auch der Sport wird nicht vergessen.

Wir erkunden die Gegend mit dem Fahrrad und folgen den Hinweisen von Andreas. Die erste Tour geht direkt am Mittellandkanal entlang in Richtung Minden. Das sind 10 km auf etwas holprigen Pfaden längs des Wassers. In Minden erwartet uns ein erstes Wunder von Ingenieurskunst, die Schachtschleuse-Minden.

Sie verbindet seit 1914 den Mittellandkanal mit der Weser. Unglaublich welche Höhenunterschiede hier durch die Schleusenanlage überwunden werden. Überhaupt kommst du Dir oben auf dem Fahrradweg neben dem Kanal vor, als wärest du Teil einer großen Badewanne. Du schaust über den Rand und siehst tief unter dir die Weser fließen und daneben rauscht der Verkehr auf der mehrspurigen Bundesstraße unter dem alten und neuen Kanal durch.

An dem Mindener- Wasserstraßenkreuz treffen wir auf den Weserradweg, den wir in Richtung Porta Westfalica weiterfahren. Hier düsen wir mit letzter Kraft noch den Berg hoch, bis zum Denkmal “Kaiser Wilhelm I”. Ein grandioser Rundblick in den Teuteburger Wald und das Weserbergland erwartet uns.

Wir schnaufen durch und ich habe noch “Körner” um die ca. 100 Stufen zur Statue hochzugehen. Der “Willem” thront als zweithöchstes Denkmal Deutschlands 268 Meter hoch ober halb des Weserdurchbruchs Porta-Westfalica und das schon seit 1892. Er hat sich in der Zeit der Preussenkriege um die “deutsch-französische Freundschaft” verdient gemacht. Das Denkmal ist ein Monument mit Fernwirkung und zugleich Wahrzeichen der gesamten Region. Schon viele Jahre wollten wir mal dorthinauf. Jetzt haben wir es realisiert.

Super! Darauf ein leckeres Weizenbier vom Fass auf dem Rückweg im Mindener Biergarten”Schiffsmühle”, direkt an der Weser. Bei der Gelegenheit schauen wir uns den übervollen Wohnmobilstellplatz “Kanzlerwiese” in Minden an und freuen uns auf “unseren” kleinen, noch als Geheimtipp zu wertenden Stellplatz in Rusbend. Wir wollen einfach nicht mehr so “auf der Reihe” stehen. Das wird uns auf dieser Reise immer bewußter. Natürlich wird es Ausnahmen geben wie z.B. später in Dresden oder bei einem Treffen mit Freunden. Dann weiß ich aber wofür ich das mache.

Schweren Herzens trennen wir uns von dem kleinen Stellplatz und vom hilfsbereiten Andreas. Am letzten Abend folgen wir noch gern der Einladung an die “Poolbar” in seinem schönen Garten. Es gibt leckere Mojitos. Sehr sympathische Menschen, die Zenkers!

Auch dem Hinweis von Andreas nach Bückeburg zu fahren kommen wir gerne nach. Hier residiert Fürst Alexander zu Schaumburg-Lippe in einem feudalen Schloss, welches mitten im Ort liegt. Wir parken in Bückeburg am Neumarktplatz, Unterwallweg 5c. Hier sind extra Stellplätze für Wohnmobile ausgewiesen und man kann entsorgen und Wasser tanken. Durch die gemütliche Innenstadt gelangt man schnell zum Schloss. Das riesige Areal ist echt einen Besuch wert, besonders auch die Hofreitschule. Sehr beeindruckend.

Nach so viel Kultur machen wir uns auf zu unserem Übernachtungsplatz bei Carsten Lahmann in Burgdorf. Er betreibt im Hinterland des Kanals einen Erlebnishof. Hier ist besonders zur Spargelzeit viel los, erzählt er uns. Man kann im Hofladen eigen erzeugte Produkte einkaufen. Wir stehen auf einem großzügigen Parkplatz mit Blick auf ein großes Gehege mit Straußen, Nandus und allerlei Getiers.

Morgens gibts frische Brötchen. Dann zieht es uns aber wieder an den Mittellandkanal. Wir wollen ein weiteres Meisterwerk der Technik ansehen, die Doppelschleuse in Sülfeld. Ein Boondocking-Platz am Kanal ist bald gefunden und zwar am Wasserdreieck zum Elbe-Seitenkanal.

Wir wandern zur Schleuse und staunen wieder einmal welche Höhenunterschiede durch moderne Schleusen überwunden werden können. Hier sind es neun Meter. Was besonders beeindruckt, ist, dass wir auf der gesamten Schleusenanlage rumlaufen können. Wir sind ganz alleine dort! Hautnah können wir die Schleusenvorgänge in beiden Schleusen miterleben. In der untergehenden Sonne laufen wir am Wasser entlang zurück zum Wohnmobil und ich träume nachts von Schleusentoren.

Wir begleiten den Kanal weiter auf seinem Weg nach Magdeburg und kommen so in die Eulenstadt Peine. Warum die Stadt den Beinamen hat, muss ich natürlich wissen. Wir finden auf dem Schützenplatz einen Parkplatz für unser großes Womo und bekommen beim Reinfahren von einer netten jungen Frau ein noch gültiges Parkticket weitergereicht. Das fängt ja gut an. Ich informiere mich gleich bei ihr warum Peine Eulenstadt heißt. “Darum ranken sich viele Anekdoten” erzählt sie mir. Eine sei hier kurz erzählt: Im vorigen Jahrhundert wurde Peine durch eine Burganlage geschützt. Hier nistete auf den Holzpalisaden eine Eule. Diese habe eines Nachts durch ihren Schrei die Wachposten aufgeweckt und so die Burg vor den sich anschleichenden Belagerern geschützt. Der Bischof von Hildesheim hat damals aus Dankbarkeit, dass die Burg nicht von den Braunschweigern eingenommen wurde, einen Eulenpokal gestiftet. Seitdem ist die Eule eine Art Glücksbinger und überall in der Stadt gibt es Eulen in allen Variationen. Sogar ein Eulenpfad führt durch die Innenstadt und Stadtführungen zu Eulenthemen kann man buchen.

Ja, dann nix wie hin. Ich freue mich auf viele Eulen. Ein erstes Exemplar findet sich sofort in dem kleinen angrenzenden Park. Hier sägte im letzten Jahr der Eulenschnitzer Clemens Mahler ein neues Wahrzeichen aus einem Baumstamm.

Tja und dann,– kam nix mehr! Außer einer Eule in einem Wandrelief, entdecken wir keine Eulen mehr. Ich bin enttäuscht! Obendrein fängt es auch noch an zu regnen. ” Die stellen wahrscheinlich erst bei einer Stadtführung die Eulen vor die Tür”, sage ich zu Dieter. ;-)) Das Fachwerkstädtchen Peine hat sich uns nicht von seiner besten Eulenseite gezeigt!

So machen wir uns nun auf zu unserer letzten Station am Mittellandkanal. Wir verlassen Niedersachsen und fahren bei Helmstedt über die ehemalige innerdeutsche Grenze nach Sachsen-Anhalt. Unser letztes Ziel am Mittellandkanal ist das Schiffshebewerk Rothensee bei Magdeburg. Auf dem Autobahnstück vor der Stadt wird der Verkehr immer dichter und Dieter erzählt mir von seiner Arbeit als Gewerkschaftssekretär hier in Sachsen-Anhalt nach der Wende. Obwohl jetzt über 30 Jahre seit der Wiedervereinigung vergangen sind, und wir schon ein paarmal beruflich wieder in Magdeburg waren, kann er sich noch genau an die damaligen besondere Situation, die maroden Zustände in der Stadt aber auch insbesondere an die Betonplatten auf der Autobahn erinnern. Gerne erwähnt er immer noch die Menschen u. KollegenInnen in Sachsen-Anhalt. Und überall wird hier immer noch gebaut. Das macht die Stadt aber für mich nicht attraktiver. So kommen wir etwas außerhalb in Rothensee an. Von weitem schon sieht man die grünen Türme des zweitältesten, von derzeit nur drei noch in Betrieb befindlichen Hebewerken in Deutschland.

Dieses herausragende Ingenieurbauwerk des Wasserstraßenbaus wurde als Abschluss des Mittellandkanals errichtet, um an dieser Stelle die Gefällestufe von bis zu 18 Meter zu überwinden. Man stelle sich, vereinfacht gesagt, einen mit Wasser gefüllten Trog vor mit dessen Hilfe die Schiffe hinauf und hinunter bewegt werden. Mit diesem Jahrhundertbauwerk wurde 1938 der Übergang zur Elbe geschaffen. Heute trägt auch hier eine moderne Schleuse dazu bei, dass der stetig steigende Schiffsverkehr auf den immer größer werdenden Schiffen, reibungslos verläuft. Das jetzt als Industriedenkmal bezeichnete Schiffshebewerk-Rothensee wird ausschließlich noch für Fahrgastschiffe und Wassersportler touristisch genutzt.

Schön war’s am Mittellandkanal; abwechslungsreich, interessante Orte, viel Schiffsverkehr, ein dichtes Radwegenetz.

Wir entsorgen noch in Magdeburg und schauen uns den Stellplatz am Elbeufer an. 8 Euro für drei Tage ist ein unschlagbarer Preis. Dafür darf man am Ufer stehen aber kein Campingverhalten an den Tag legen. Wir bleiben dennoch nicht dort, sondern besuchen unseren nächsten Bauern, besser gesagt den nächsten “Müller” auf dem Land. Mehr davon im nächsten Bericht.

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