Kulinarische Schlussetappe der Winterreise

Nach einer ruhigen Nacht genießen wir nochmal die Sonne am Strand vor Valencia. Am Nachmittag kommen die ersten Wolken und wir beschließen den schönen Stellplatz nun zu verlassen und weiter Richtung Heimat zu fahren. Die Sonne lassen wir bei den unzähligen Überwinteren, wir bringen es nicht übers Herz sie einfach mitzunehmen. :-))

Demzufolge brauchen wir etwas anderes wärmendes, was liegt da näher als ein Sekt-und Weingut anzusteuern, zumal gerade die Cava-Gegend an der Costa Daurada  vor uns liegt. Der spanische Cava nach der Flaschengärungsmethode hergestellt, ist eine der bekanntesten Spezialitäten Kataloniens. 96% der Cavaproduktion findet in der Weinbauregion Penedes, westlich von Barcelona statt. Auf dem Weg dahin liegt aber noch das legendäre Restaurant, der Spätzle Fritz in San Rafael del Rio.

Das ist ein deutsches Lokal in Spanien und Heerscharen von Wohnmobilsten sind schon dort gewesen und haben sich darüber in den sozialen Netzwerken ausgetauscht. Angeschlossen ist ein großer Stellplatz. Für unsere kürzere Etappe an dem Tag passt das gut. Von dieser legendären Rast hatten wir schon so viel gehört. Jetzt stehen wir selbst auf dem Stellplatz und werden von einem netten Platzwart eingewiesen. Wenn man in dem Lokal speist, ist der Platz frei. WLAN gibt’s hier auch inclusive. Natürlich wollen wir Spätzle essen und begeben uns in das rustikale und etwas altmodische Restaurant. Das gutbürgerliche Essen hat geschmeckt, die Preise sind sehr deutsch.

Schön, dass wir das Anwesen mal gesehen haben, aber nochmal hinfahren müssen wir nicht unbedingt (sorry, an alle Fans dieser „Kultstätte“).

Am nächsten Vormittag biegen wir in die Route de Cava ein und das erste, was wir sehen, ist das große Weingut der bekannten Marke Freixenet. Nein, da wollen wir nicht einkehren. Wir haben uns einen kleinen feinen  Familienbetrieb herausgesucht. Hier bei „Artcava“ in Avinyonet del Penedes kann man auch mit dem Wohnmobil übernachten. (www.artcava.com)

Wir machen eine ausgedehnte Mittagspause und können uns einer kleinen Führung durch den Betrieb anschließen. Dabei lernen wir was den Unterschied macht. Die gefüllten Flaschen werden nach dem ersten Verkorken kopfüber in den dafür vorgesehenen Behälter gesteckt, damit sich hinter dem Korken die „Trübstoffe“ aus der Flasche sammeln können. Diese werden schockgefroren und in einem nächsten Arbeitsschritt unter Druck entkorkt. Dabei fliegt das Eisstück raus und in der Flasche fehlt Flüssigkeit.

In den herkömmlichen Champagner-Kellereien wird mit der „Dosage“ aufgefüllt ( je nach Geschmacksrichtung Zucker oder Liquer). Bei ArtCava machen sie das nicht. Der Flasche wird keine Flüssigkeit mehr zugeführt, es bleibt der reine Geschmack, also das was die Traube nach der Ernte hergibt. Ganz spannend und ganz schön mutig dieses Team. Der Erfolg gibt Ihnen recht. Wir verkosten mehrere Cavas mit unterschiedlichen Lagerzeiträumen und erfahren viel über den Weinanbaugebiete und die Herstellung des „ Champagners“.

Nichts anderes ist nämlich in den Flaschen. Seit dem EU Betritts Spaniens darf die Bezeichnung nicht mehr geführt werden. Stattdessen wurde der Name Cava, ( Keller) genommen. Ganz früher wurde die Produktion unterirdisch in kühlen Höhlen durchgeführt, damit in den warmen Regionen der Gärprozess nicht zu schnell einsetzte. Die jetzigen Keller sind durch ihre Bauweise klimatisiert und so kam der spanische Champagner zu seinem Namen >Cava<.


Wir erfahren auch, dass in diesem Betrieb alle Arbeitsschritte von Hand gemacht werden. Ein Cava ist besonders. Die Jungs um Eric Enguita probieren jedes Jahr eine neue Zusammensetzung der Trauben natürlich unter Beachtung der Qualitätsmerkmale. So entsteht für den Kunden, neben den traditionellen Sorten, jeweils ein ganz neuer Sekt mit variierenden Geschmacksrichtungen. Von allen Sorten haben wir natürlich etwas mitgenommen. Das Tasting in der kleinen Gruppe ist kurzweilig, wir reden über Gott und die Welt und dann kommt doch noch die Politik ins Spiel. 


Wir sind in Katalonien und hatten vorsichtshalber die spanische Flagge aus der Frontscheibe genommen. Überall hier in der Gegend hängen hier die Fahnen der Separatisten, auch auf dem Weingut.

Mit mir spricht eine junge Studentin darüber, die gerade Deutsch lernt. Sie versucht leidenschaftlich mich von ihrer Meinung zu überzeugen, warum Katalonien ein eigener Staat werden muss. Ich halte dagegen und bringe meine Argumente ein. Nach dem dritten Glas leckeren Cavas liegen wir uns in den Armen und vertagen das Ganze. Später habe ich mich bei Wikipedia zu dem „ Katalonien Konflikt“ belesen und erfahren, dass diese Auseinandersetzung um Tradition, Stolz, Ehre und wichtige Rechte schon seit dem 15 Jh. im Gange ist. Hoffentlich werden kluge Menschen das Thema zu einem guten Ende bringen. 
Wir sind glücklich über neue Getränke, fahren weiter und übernachten auf einem großen Bauernhof, „Granja Mas Bes“ vor Girona, der kostenlose Wohnmobilstellplätze mit Strom und Entsorgung anbietet. Wir kaufen frische Produkte in deren eigenem Hofladen und bewundern auch hier, dass dieses Anwesen schon mehrere Jahrhunderte in Familienbesitz ist.

Die Tochter des Hauses, bedient uns im eigenen Laden und zeigt uns die Ställe und die große Hofanlage, einschließlich des Museums . 
Weiter geht die Reise immer nach Norden, das Wetter meint es gut mit uns, wir haben Zeit, die Straßen sind daher mautfrei gewählt und es ist ganz wenig Verkehr. Bei Perpignan überqueren wir die Grenze zu Frankreich und befinden uns bald mitten im flächenmäßig größten Weinanbaugebiet Frankreichs, im Languedoc-Roussillon. Chateaus laden links und rechts der >Route de Vins< zu Verkostungen ein. Wir suchen ein Weingut aus, dass auch Wohnmobilstellplätze anbietet und freuen uns auf eine weitere Verkostung. Aber Pustekuchen, im Januar haben zwar alle ihre Schilder >Willkommen< draußen hängen, die Tore aber sind zu.

Bevor wir nach dem dritten Anlauf zu viel Frust schieben, steuern wir einen großen Supermarkt an. Dieter will tanken und ich gehe in die riesige Weinabteilung. Wunderbar! Hier ist jetzt endlich jemand, der sich Meiner annimmt. Es entwickelt sich ein Fachgespräch vom Allerfeinsten, geführt in allen Sprachen und mit der Google-ÜbersetzungsApp über dieses große Weinanbaugebiet in der Doppelprovinz Languedoc-Roussillon. Die Betriebe haben in den letzten Jahren enorme Anstrengungen unternommen, sich aus der Masse der Anbieter hervorzuheben, indem sie in verstärktem Maße auf Qualität setzten. Dennoch kann man, im Gegensatz zu den großen Namen im Bordeaux oder Medoc, gute Weine zu günstigen Preisen kaufen, was ich dann auch getan habe. Insbesondere gibt es hier eine große Auswahl guter Roséweine. Ich freue mich schon auf unsere Terrassenabende im Sommer zuhause. :-)) Wir finden einen schönen Übernachtungsplatz am Lac du Salagou.

Morgens geht ein eisiger Wind, weiter geht unsere Fahrt über die mautfreie Autobahn Richtung Clermont Ferrand. Wir durchqueren bei schönstem Sonnenschein und wenig Verkehr die Cevennen und erfreuen uns an dem Anblick eines Viadukt von Eiffel und der wunderbaren Brücke von Millaut.

Als wir den Fluss Tarn überqueren, überlegen wir kurz, ob wir die Tarn-Schlucht durchqueren sollen ( mit dem Flair hat das, weil wir unsicher wegen der Abmessungen waren, vor einigen Jahren nicht geklappt), lassen es aber dann. Im Winter ist es dort nicht wirklich sicher zu fahren. Wir kommen auf einer Höhe von 1100 Metern in eine herrliche Schneelandschaft!

Ja, man muss allem Wetter etwas abgewinnen, es nützt ja nix. Ich habe mir vorgenommen, aus allem das Beste zu machen. Mein Fahrer nickt dazu! Dirty Harry erlebt in der Folge seine erste Berührung mit Schnee. Während wir unseren Übernachtungsplatz in Digoin direkt am Kanal ansteuern, schneit es auf den letzten 50 km recht stark und die Temperatur rutscht unter Null.

Aber ich kann mich auf Fahrer und Fahrzeug verlassen. Wir kommen heil am Canal Lateral a la Loire an und stehen mutterseelenallein auf diesem genialen Stellplatz und der Schnee rieselt aufs Dach.

Klar, alle Wohnmobilsten, die wir unterwegs getroffen haben, sind ja in ihren Überwinterungsquartieren.;-)) Wer fährt schon jetzt zurück!?

500 Km weiter durch dichtes Schneetreiben, kommen wir der Heimat immer näher. Ein kleiner Stellplatz, Aire de Camping-Car in Millery direkt an der Mosel, hat uns aufgenommen. Die Attraktion dieses kleinen kostenlosen Gemeindeplatztes ist ein Baguette-Automat. Wir freuen uns von daher auf frisches Baguette zum Frühstück.

Noch ein kurzes Stück zu unseren Freunden im Saarland, Detailplanung zu unserer gemeinsamen Schiffsreise im März und dann am morgigen Samstag über Luxemburg nach Hause.

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Ein kurzes Fazit unserer Winterreise:

Ja, wir würden es wieder tun!

132 Tage, 13850 km durch fünf Länder (Luxemburg, Frankreich, Spanien, Portugal, Marokko). Durchschnittliche monatliche Kosten 1500,- € (ohne unsere „Wein-Eskapaden“ in den durchreisten Wein-Regionen). Incl. 1100 Liter Diesel zwischen 0,8-1,4 €. Teuerste Übernachtung 18,50 € in Santa Pola. Über die Hälfte freie/kostenlose Übernachtungen mit zum Teil bester Infrastruktur. Ansonsten 4-10 € pro Nacht.

Unglaubliche Eindrücke an den Atlantik-Küsten der einzelnen Regionen, Bewunderung für die Pilger auf dem „Jakobsweg“. Demut vor den Menschen im Hinterland Portugals und den Hochebenen Marokkos, die teilweise unter schwierigen Bedingungen leben. Wir haben noch bewusster die eigenen Privilegien erkannt!

Jede Region für sich ist es Wert länger zu verweilen. So haben wir für spätere Zeiten genügend „Wiederkomm-Plätze“ außerhalb der Touristenströme für uns entdeckt. Wir brauchen dann „nur“ noch unser Reisetagebuch anklicken bzw. aufschlagen.

Ja, es war für uns eine „Pilotreise“, um das neue Fahrzeug zu testen, ob es auch den Herausforderungen in Übersee gewachsen sein kann. Hier müssen noch einige Nachbesserungen erfolgen, wie zum Beispiel die Stromversorgung, welche aktuell für drei Tage ohne Sonne zwar reicht, aber eine Woche wäre schön! Sind doch die Stromkosten, mit 3-6 € pro Tag an den kostenpflichtigen Plätzen, recht hoch. Der Motor muss noch „Afrikatauglich“ programmiert werden, wegen der schlechteren Dieselqualität und die Heckgarage rüttelsichere Staumöglichkeiten bekommen. Ansonsten hat der „Allrad“ uns begeistert

Zum Thema „Überwintern“ können wir jetzt mitreden und werden diese „Reiseform“, allerdings mit anderem Equipment (Komfort u. Mobilität), später vielleicht mal praktizieren. Die Mittelmeerküste Spaniens und der Süden Portugals sind regelrecht von „Überwinterern“ aus dem nördlichen Europa überflutet. D.h. hier müsste man sich gezielt und rechtzeitig eine oder mehrere Basisstationen aussuchen.

Mal sehen, wie sich die Lage dort in den nächsten Jahren entwickelt, da die Regeln von den Behörden immer enger gefasst werden. Die Wohnmobilsten gelten dort teilweise als Segen u. Fluch zugleich. Der Wirtschaftsfaktor wird von den Gemeinden im Winter gerne genommen, das Umweltproblem an den Freisteh-Plätzen verständlicherweise weniger!

Noch sind wir eher „Reise-Nomaden“ und freuen uns auf wechselnde Herausforderungen!

Kritisch müssen wir anmerken, welches Verhalten die internationale Wohnmobil-Szene teilweise an den schönsten Plätzen, die die Natur zu bieten hat, so an den Tag legt. Entsorgung überall hin, Müll wird liegen gelassen und Lagerfeuer am Besten mit dem Holz der Parkplatz- oder Stellplatz Einzäunung gemacht oder man hatte sich für Monate eingerichtet, ohne das eine entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. Zur Frage nach der Ver-u. Entsorgung gab es meist ein „Grinsen“ oder „das wollt Ihr nicht wirklich wissen“!

Besonders in Frankreich fielen uns die mangelhaften hygienischen Bedingungen an Stellplätzen auf. Toiletten- und Abwasseranlagen waren vollgekippt mit Fäkalien und selbstverständlich wurde die Toilettenbox am Frischwasserhahn gespült!

Also dieses Verhalten wird womöglich immer mehr die schönen Plätze zu „Sperrzonen“ machen, weil die Behörden nicht mehr anders können. So werden bereits in Spanien immer mehr Freisteh-Plätze geräumt!

Wir haben während dieser Reise viele nette Menschen kennengelernt und neue Freundschaften geschlossen. Alleine die Reisetipps der weitgereisten Zeitgenossen reichen für ein weiteres Leben.

Da wir die jeweiligen Regeln eingehalten haben, gab es nirgendwo ein Problem mit der Obrigkeit!

So, dieses etwas allgemein gehaltene persönliche Fazit, soll trotzdem Lust machen unseren Wegen zu folgen. Informationen könnt Ihr gerne von uns bekommen.

„Nach der Reise ist vor der Reise“, wir haben noch eine Menge Ideen! (z.B. in den nächsten Wochen: „Biike-Feuer auf Sylt, Transreise mit dem Schiff von Mauritius nach Kreta, Masuren-Rundreise mit WoMo-Freunden und natürlich Überseereisen 2020/21 mit eigenem WoMo in Vorbereitung).

„The most dangerous worldview is the worldview of those who have not viewed the world“.

>Alexander von Humboldt<



10 Kommentare bei „Kulinarische Schlussetappe der Winterreise“

  1. Liebe Renate.
    Begeistert haben wir Euren Bericht und das Fazit gelesen.
    Vielen Dank dafür.
    Freuen uns auf künftige Berichte und Begegnungen.
    Liebe Grüße,
    Inge und Gerhard

  2. Hallo Renate und Dieter,

    war wieder einmal schön auf euren Spuren zu wandeln. Wir wissen ja nur zu gut welche Mühen und Aufwand es bedeutet von unterwegs live zu berichten. Das habt ihr toll gemacht.
    Besonders relaxed ward ihr auf dem ersten Teil der Reise unterwegs, dafür große Bewunderung von uns.
    Etwas überrascht sind wir nun doch, dass ihr eure USA Pläne für dieses Jahr aufgesteckt habt? Versteh allerdings das es auch eine Menge Vorbereitung und Planungsarbeit kostet. Dafür habt ihr gerade zuviele andere Pläne.
    Vielen Dank für‘s mitnehmen und weiterhin viel Spaß auf euern Reisen, wohin es euch auch immer verschlägt.

    Liebe Grüße
    Beate & Toni

    1. Hallo Beate,
      wir sehen uns ja hoffentlich in Bad Kissingen, während der Off-Road…Da können wir auch über Gründe für unsere geänderten Reisepläne sprechen -:))

  3. Georg u. Käte Freesemann sagt: Antworten

    Schon mal über die Herausgabe eines Buch nachgedacht? Die Kosten für den Sprit sollten spielend rauskommen.
    Herzlich willkommen „daheim“!

    1. Na ja ist so schon „Arbeit“ genug und soll ja eher unser Reisetagebuch sein!
      Da gibt es noch viel bessere Blogs, wir sind da eher bei den Amateuren-:)))

  4. Christel und Klaus sagt: Antworten

    Hallo ihr zwei, wunderschön eure Berichte,
    wir haben bereits drei Mal auf der iberischen Halbinsel überwintert und ausnahmsweise
    diesen Winter zu Hause. Ich habe voller „Sehnsucht“ nach Licht und Sonne euren Bericht verfolgt.
    Hoffentlich treffen wir uns mal „wo auch immer“ unser nächstes Ziel ist voraussichtlich der hohe
    Norden über Schweden – Finnland nach Norwegen für die Sommermonate.
    Ganz lieben Gruß
    Christel und Klaus
    Tipps für die USA haben wir auch für euch waren 1 Jahr dort 2014 bis 2015

  5. Christel und Klaus sagt: Antworten

    Hallo hier noch mal Klaus,
    hatte total übersehen dass ihr USA ja schon längst hinter euch habt ……..sorry
    Ganz lieben Gruß noch mal
    Christel und Klaus

    1. USA/Kanada/Mexico ist wieder auf der Liste wohl für 2021. Jeder Tipp ist da willkommen.
      Vorher haben wir noch ein spannendes Ziel…ist aber noch nicht ganz spruchreif!?

  6. Marion Baumann-Schmitt sagt: Antworten

    Hallo Renate,
    hallo Dieter,

    ein herzliches Willkommen in Old Germany.
    Ich habe Eure Reise und Einträge verfolgt. Ich kann nur sagen „Hut ab“.
    Ich freue mich schon auf Ende April, wenn wir uns beim Tisch 5 Treffen wiedersehen.
    Liebe Grüße
    Marion

    1. Danke, wir freuen uns auch sehr auf Euch!

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